Self-Titled

Reviewing S/T: Self-Titled (Klangbad EFA 64026-2)

Eine Platte wie ein konzeptioneller Konjunktiv. Nicht nur, dass keins seiner neun Stücke ist, was es zu sein scheint (und mitunter dann doch ist). Es beginnt schon vor dem Hören, beim Lesen des Bandnamens. oder ist es der Plattentitel? Darf man das verwechseln? Das gleichnamige Album zur gleichnamigen Band. Wer? The Who, eigentlich. /Self-titled/, selbstbetitelt. Heißt wie der Name. Das Anti-Pop-Pendant zu The The: nichts drin, alles draußen. Irgendwie irre. Die Cover Grafik, ein mit einem Stückchen s/t-Klebeband befestigtes Q-Tip-Wattestäbchen, verstärkt den Eindruck einer konsequent verschlossenen Konzeption. Und die hört sich an. Laut. Hawkwind, verschnitten mit der methodischen Unbeirrbarheit von Wire und der abseitigen Kunstbarkeit der Virgin Prunes, nichts davon unberührt. Die Stimmung ist spätsiebzig, das Gerät frühachtzig und alles klingt ziemlich dabei gewesen. Grapschige Brettgitarren, Rock´n´Roll Melodien, Synthie Sounds aus dem Vokabelheft der elektronischen Old School, Syndrums, Repetierloops. Ganz jung sind sie nicht mehr, diese beiden Main-Frankfurter im Kunst-Darm, die als Horse badorties (nach der Hauptfigur aus William Kotzwinkles avantgardistischem Beatnik Roman /Fan Man/) und Mister Miller das Duo s/t bilden. Was wohl auch die Ausdauer erklärt, mit der die zwei typen ihr merkwürdiges Zeug aus weitgehender Obskurität heraus unter´s Volk bringen. Unter die Völker sogar. Ein Tape, ungefähr drei Alben, ein paar Singles sowie eine ganz spezielle, bindende Widerwärtigkeit haben s/t Anhänger auf der ganzen Welt eingebracht. Fallstricke, doppelte Böden, Käse in kleinen Käfigen. das Runde kommt ins Eckige, und sei es mit Unterdruck. Das saugt, kann man sagen, aber nicht meinen, was der Anglo-Amerikaner meint, wenn er was verabscheut: that sucks. Aucontraire. s/t hat ordentlich Überdruck, haut um, ist gut. Spacemusik im Sinne von Raum und Gegend, Land, Städten. Der ganze Space über uns, Weltall, Quantensprung, Silver Surfer, verstehen sich eigentlich von selbst. Überdies sind s/t im Umgang mit Klischees und ihrer Vermeintlichkeit weder verzagt noch ungeschickt. So oberflächlich, platt gradezu, wie diese (man sieht es schließlich ein) völlig zurecht selbstbetitelte Musik anfänglich erscheinen mag, so wenig ist sie es. Nach dem leicht hysterischen Opener über ein neues Mobiltelefon ("... and it´s fucking trendy!" reiht "Würfel Musik machen" über einem neunminütigen, repetiven Sog "Worte über S/T (Untertitel) aus Presse, Rundfunk wer weiß woher aneinander, später folgt ein Faust Cover und mit Silly Season ein monomanischer Acid Blues von sehr unterwegs: "Take a walk down memory lane / and do it all over again". Nicht wirklich zynisch, das; Horse und Miller sind wahrscheinlich zwei ganz Liebe. Aber fatalistisch wie ein bekiffter hessischer Landtagsoppositioneller, ein eher imperativer Konjunktiv also. Muss aber nicht, kann auch einfach lauter drehen. Dann kommt´s schon.

Unknown, Jazzthetik 173, 2004-06-01